Assmann, Harry

Zum 100. Geburtstag von Pastor Harry Assmann (2013)

P.A. so haben ihn „seine“ Jugendlichen genannt und unter diesem Kürzel haben sie ihn geschätzt und geachtet und wohl nicht nur sie, die sie mitunter mit ihm auf „großer Fahrt“ waren, sondern auch all diejenigen, die er getauft, konfirmiert, kirchlich getraut und  in besonderen Lebenslagen seelsorgerlich begleitet hat. Pastor Harry Assmann – in diesem Jahr (2013) wäre er 100 Jahre alt geworden.

Geboren wird Harry Assmann am 12. Juni 1913 in Moskau. Der Vater ein selbständiger Kaufmann aus Thüringen, die Mutter eine Baltendeutsche, von Beruf Erzieherin. Von 1915 bis 1918 lebt die Familie Assmann, zuvor dorthin deportiert, in Sibirien und wird Ende 1918 nach Dresden umgesiedelt. Nach Absolvierung der Volksschule wechselt Harry Assmann 1923 an das Gymnasium zum Heiligen Kreuz. Eine schwere Erkrankung bedingt seine Aufnahme in ein privates Kinderheim der Prinzessin der Niederlande in Den Haag zur vollen Wiederherstellung der Gesundheit. Im Jahre 1933 besteht er mit Auszeichnung das Abitur. Im Jahr zuvor stirbt sein Vater.

In den Jahren 1933 bis 1939 nimmt Harry Assmann das Studium der Theologie und der Sprachen in Leipzig und Tübingen auf. Hauslehrerstellen in Pommern und Mecklenburg unterbrechen das Studium, da der Universitätsbesuch aus finanziellen Gründen nicht möglich ist. 1939 wird er zum Kriegsdienst in die deutsche Wehrmacht eingezogen. 1940 heiratet er in Dresden. Das Jahr 1942 ist geprägt von einer Verwundung bei  El-Alamein.

Die Zweite Schlacht von El-Alamein war eine entscheidende Schlacht des Zweiten Weltkrieges auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz und fand zwischen dem 23. Oktober 1942 und dem 4. November 1942 bei El-Alamein in Ägypten zwischen Verbänden der Panzerarmee  Afrika unter Generalfeldmarschall Erwin Rommel und der britischen 8. Armee unter Lieutenant General Bernard Montgomery statt.

1943 besteht Harry Assmann in Stuttgart sein II. Theologisches Examen. Längst ist er Mitglied der Bekennenden Kirche und wird aus kirchenpolitischen Gründen, sprich auf Betreiben der sogenannten „Deutschen Christen“, aus dem landeskirchlichen Dienst abgerufen. Die Deutschen Christen waren eine sich im Jahre 1932 gründende rassistischeantisemitische und am Führerprinzip orientierte Strömung im deutschen Protestantismus, die diesen an die Ideologie des Nationalsozialismus angleichen wollte.

Die Jahre 1944-46 verbringt Pastor Harry Assmann in Gefangenschaft in Frankreich und England und er übt dabei die Funktion eines Lagerpfarrers aus. 1946 wird er nach Nordsteimke bei Braunschweig entlassen, wohin seine Familie kurz vor dem verheerenden Luftangriff auf Dresden zwangsevakuiert worden war. Von 1947-49 wirkt er als Pastor in Hehlingen bei Hannover, als Kreisjugendpastor in Fallersleben bei Wolfsburg und  im Jahre 1950 als kommissarischer Stadtjugendpastor in Hannover, bis er am 1. Oktober 1950 durch Superintendent Witte als dritter Gemeindepastor an St. Nicolai in Alfeld wird und gleichzeitig das Amt eines Stadtjugend- und Kreisjugendpastors ausübt. Die Errichtung einer dritten Pfarrstelle in der St. Nicolai-Kirchengemeinde war seitens des Landesbischofs aufgrund der anwachsenden Einwohnerzahl (ca. 14.000 im Jahr 1950) genehmigt worden. Harry Assmanns besondere Neigung und Liebe gilt stets der Jugendarbeit. Seit 1960 ist er Mitglied im BK-Führungskreis Niedersachsen, dem Dachverband der Evangelischen Jungenschaften auf Landesebenene. Die von ihm begleiteten Zeltlager, vor allem die in Finnland, sind vielen Teilnehmenden heute noch immer in bester Erinnerung.

Harry Assmann versorgt den Pfarrbezirk-West. Dieser umfasst das Neubaugebiet an den Steinköpfen, den Schlehberg, die Göttinger – und die Hannoversche Straße und damit verbunden das alte Stift St. Elisabeth, das später dem Verkehr weichen muss und in der Innenstadt am Mönchehof neu entsteht.

Im Oktober 1962 ist im Gemeindebrief der St. Nicolai-Kirchengemeinde zu lesen: „Am 2. Oktober wird das Pfarramt St. Nicolai Westbezirk verlegt.“ Hatte Pastor Assmann mit seiner Familie zunächst in der Gudewillstraße 12 gewohnt, so lautet die Adresse des neu erbauten Pfarrhauses nunmehr: Am Schlehberg 18 (seit 1977 dann „An der Dohnser Schule“ 5) Der zunächst beabsichtigte Bau einer Kirche mit Gemeindesaal gleich oberhalb des neuen Pfarrhauses unterbleibt, aber man wird sich darüber einig, dass nun auch der Westbezirk von St. Nicolai eine neues kirchliches Zentrum erhalten müsse. So entscheidet man sich für den Bau des Gemeindezentrums im Hasenwinkel, das als Friedenskirche 1967 zu Harry Assmanns neuer Wirkungsstätte wird, von der er 1978 infolge einer schweren Erkrankung Abschied nehmen muss. Es ist nicht der einzige Schicksalsschlag, den Harry Assmann – in einem tiefen Glauben stehend – annehmen muss. Bereits 1967 verstirbt nach langer schwerer Krankheit die Ehefrau. Harry Assmann bleibt mit den vier Kindern allein zurück.

1981 verunglückt Sohn Hans-Christian tödlich. In eben diesem Jahr erscheint im J. G. Bläschke Verlag unter der Überschrift „Gott ist überall dabei“ ein Band mit Gedichten von Harry Assmann. Gedichte, die durch sein ganzes Leben hindurch entstanden sind.

Die Pflegestation des Altenheims St. Elisabeth wird zu seiner letzten Wohnstätte. Dort erfährt er im Jahre 1987, dass „sein“ Westbezirk zum 1. Juni 1988 zu einer selbständigen Kirchengemeinde mit dem Namen „Friedenskirche“ werden soll und so lässt er seiner ehemaligen Kirchengemeinde am 21. September 1987 einen von ihm diktierten Brief mit folgendem Wortlaut zukommen:

 

Verehrte, liebe Männer und Frauen, liebe Jugend der Gemeinde „Friedenskirche!

Mit großer Dankbarkeit blicke ich zurück auf die Jahrzehnte, in denen ich mit Ihnen am Aufbau des neuen Gemeindebezirks mitarbeiten durfte. Von ganzem Herzen danke ich dem Kirchenvorstand von St. Nikolai für alles, was durch Ihren Dienst zum Wohle der Gemeinde erreicht worden ist. Nun hat die Mutter St. Nikolai ihre Tochtergemeinde in die Selbständigkeit entlassen. Ein beschwerlicher, aber segensreicher Weg liegt hinter uns. Viele Veränderungen hat es gegeben. Gottes Wille hat mich noch einen der schönsten Gottesdienste miterleben lassen. Nämlich die Weihe der Glocke. Herzlich danke ich der Familie Brauckmüller für ihren langjährigen Einsatz zum Wohl der Gemeinde. Der Jugend sei herzlich Dank gesagt für ihre Mithilfe am Aufbau der Gemeinde. Möge Gott die Zusammenarbeit der Jugend, die besonders auch die Zusammenarbeit beider Konfessionen gefördert hat, auch weiterhin segnen. Ich grüße Sie in diesen Wochen der Erntedankfeste mit dem Wort: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht. ‘ Der Geist Gottes allein wird auch in Zukunft Garant für das Wachstum der Friedenskirche sein. Hören wir nicht auf, in diesem Geist des Lebens zu bitten. In treuer Verbundenheit des Glaubens grüße ich Sie alle, Alt und Jung.

Ihr Harry Assmann


Am 19. November 1990 verstirbt Harry Assmann im Altenheim St. Elisabeth. Ein Weg im Glauben, in der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen findet sein Ende. Gott war überall dabei.


Quelle: Friedenskirche, Pastor Michael Kratochwill