Gerke, Albert

Folgende Erinnerungen erreichten uns kürzlich von einer Besucherin unserer Heimatseite:

Erinnerungen an den alten Bäckermeister Albert Gerke.

Als meine Mutter und ich im Oktober 1943 wegen des Bombenkrieges, der inzwischen auch unseren Wohnort München erreicht hatte, in ihr Elternhaus in die Holzerstraße 5 zurückkehrten, wurden wir Nachbarn von Albert Gerke. Wir Kinder hatten natürlich nicht viel mit einem Bäckermeister zu tun und kannten ihn darum kaum, aber wir kannten seine Stimme. An anderer Stelle in den Alfelder Geschichten ist ja schon auf seine gewaltige Körperlichkeit hingewiesen worden. Und er hatte eine Stimme, die dazu passte. Die benutzte er auch in vollem Umfang, wenn ein Lehrling oder ein Geselle nicht in seinem Sinne gehandelt hatte. Dann scholl aus den Fenstern zu unserem Hof eine Strafpredigt, die jeden beeindruckte, besonders uns Kinder oder einen fünfzehnjährigen Lehrling (Auszubildende gab es damals noch nicht).

Andererseits konnte man diese Stimme auch hören, wenn es keinen Ärger gab: ein schöner Sommernachmittag, alle Fenster stehen offen, und der alte Albert singt im Backhaus!!! Er hatte eine sehr schöne Singstimme, die er auch gern außerhalb des Gesangvereins ganz für sich allein hören ließ. Das war wohl einer der Gründe, warum wir Kinder zwar Respekt vor ihm hatten, aber nie Angst.

Meine Mutter hatte Ende der zwanziger Jahre ein sehr persönliches Erlebnis mit ihm: Herr Gerke schaute aus seinem winzigen Waschküchenfenster auf unseren Hof und unterhielt sich freundlich mit meinem Großvater, dem Bierverleger Heinrich Freitag, über dütt und datt. Da kam dessen Tochter, meine Mutter, von der Straße her durch das „untere Tor“ auf den Hof. Dem damals noch nicht so alten Herrn Gerke blieb bei ihrem Anblick das Wort im Halse stecken, er lief (der Sage nach) rot an und ließ dann ein Riesengewitter über dem Haupt meiner armen und sehr erschrockenen Mutter los. Sie war sich keiner Schuld bewusst, und es dauerte einige Zeit bis sie verstand, was der Anlass des großen Zornes war: ihr neue Frisur! Sie hatte sich die langen blonden Haare abschneiden lassen und trug anstelle des gewohnten Zopfes oder Knotens seit einer Stunde einen modischen Bubikopf.

Bäckermeister Albert Gerke hatte auf der Holzer Straße eine Bäckerei. Diese besteht auch heute noch, wenn auch unter anderem Namen.

Albert Gerke war ein etwa 187 cm großer Mann und brachte wohl seine 250 Pfund auf die Waage. Er war sehr kräftig und konnte auch ganz gut einen heben. Vor einer ziemlichen Anzahl halber Liter war er keineswegs bange. Außerdem war er sehr cholerisch, was verschiedentlich zu unangenehmen Situationen führte. Seine Backerzeugnisse wurden nicht nur im Laden verkauft, sondern auch in einem Dreiradlieferwagen zur Kundschaft gebracht. Und gerade dieser Lieferwagen gab den Anlass zu einem Riesentheater. Das geschah folgendermaßen:

Albert Gerke fährt mit diesem Dreiradwagen die Marktstraße hinunter. Auf der Kreuzung Leinstraße-Marktstraße-Sedanstraße steht der Polizeigewaltige, August Blickwede, und regelt daselbst den Verkehr. August war just aus der Bäckerei von Anton Fink gekommen. Seine Pelerine war von Mehl weiß bestäubt, und er selbst hatte einen Kopf so rot wie Edamer Käse. Er war in einer Stimmung, dass er jeden ungebraten hätte auffressen können. Es war in diesem Falle immer höchste Vorsicht geboten. Wir kannten das schon.
August regelt also den Verkehr. Ja, du lieber Himmel, da hätte einer Diplom-Fahrlehrer sein können, er wäre bei August nicht ohne einen Anranzer vorbeigekommen. An allen Autofahrern hatte er etwas auszusetzen. Bei ihm war Hochspannung!
In diesem unglücklichen Augenblick muss nun Albert Gerke die Marktstraße gefahren kommen. Selbstverständlich sieht er seinen Kegelbruder und Ordnungshüter August dort wirken und richtet sich danach. Jedenfalls hatte er das vor. Es kam aber ganz anders. In dem Glauben, Albert Gerke will in die Leinstraße einbiegen, bleibt August dort stehen und schaut grimmig zu Albert hin. Der aber, erkennend, dass er so den Bogen in die Sedanstraße nicht nehmen kann, ohne August umzufahren, beugt sich aus dem Fenster mit den Worten „August, geh da weg!” Der denkt natürlich nicht im Entferntesten daran, sondern bleibt wie in die Erde gehauen dort stehen. Das hätte er lieber nicht tun sollen, denn nun reißt August Gerke den Wagen stärker herum, als es ratsam gewesen wäre, und fährt August über den großen Krischan. Das war zuviel und kam einer Kriegserklärung gleich. Damit aber nicht genug.
Durch das scharfe Herumreißen des Wagens einerseits und das gewaltige Gewicht von Gerke andererseits fiel der Wagen um und lag auf der Tür. Er hatte nämlich nur eine Tür, aber die lag nun auf der Erde, und Albert konnte nicht raus. Im Inneren des Wagens tobte nun Albert Gerke und brüllte wie ein Löwe. Draußen stand August und verlangte von Albert die Angaben über seine Personalien. Es gab einen gewaltigen Menschenauflauf, denn keiner wollte sich diese Sensation entgehen lassen. Nun waren dort eine ganze Anzahl von Arbeitslosen und auch jungen Leuten, schauten sich das Drama an und harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Zunächst einmal schnauzte uns August an und verlangte, dass wir alle zufassen sollten. Das taten wir dann auch, aber nicht ohne Hintergedanken. Wenn wir also den Wagen so an die 30 cm angehoben hatten, dann ging uns die Puste aus, und wir ließen den Wagen einfach wieder fallen. Natürlich mit Albert Gerke imInneren. Der wurde nun von Minute zu Minute verrückter und brüllte wie unklug. Zwischenzeitlich waren schon mehrere Leutchen zum Schmiedemeister Hahn gelaufen und kamen mit dem Schweißapparat gefahren. Nun aber war Holland in Not. Albert war im Inneren bald tobsüchtig, und August war kurz vor einer Explosion. Wir also alle zugefasst und mit ,,Hauruck” stand der Wagen wieder auf seinen Rädern. Nun aber kam erst das tollste Drama. August verlangte, just dass Albert auf den Beinen stand, die Angabe seiner Personalien mit den Worten: ,,Geben Sie mal Ihre Personalien an.” Albert guckt nun August an, als wenn er sie nicht alle beisammen hätte und antwortet ihm mit den klassischen Worten: „August, Du kannst mich mal!” dass es zur Ausführung dieser drastischen Aufforderung nicht gekommen ist, dürfte wohl kaum einem Zweifel unterliegen. Nicht aber darf bezweifelt werden, dass August diesen Vorfall mit einem saftigen Strafmandat geahndet hat.
Wie es tatsächlich verlaufen ist, ist für die Öffentlichkeit in nebelhafter Verschleierung geblieben. Es ist aber anzunehmen, dass dieses Vorkommnis der Gegenstand einer heiteren und wahrscheinlich auch feuchten Erörterung beim nächsten Kegelabend gewesen ist. Heute wären solche „Verkehrsunfälle” eine todernste und nüchterne Angelegenheit mit allem Drum und Dran. Damals war es eine heitere Begebenheit für die ganze Stadt, wenn auch die beiden Hauptakteure eine durchaus entgegengesetzte Einstellung hierzu hatten. Dennoch, trotz des Kernspruchs eines Götz von Berlichingen, haben sich die beiden Zinshähne wieder vertragen, was man doch heute lobend anerkennen muss.

Und damit soll es sein Bewenden haben!