Hakemann

Hakemann

Jedes Kind kannte früher den Hakemann. Er war der Wassergeist der Leine, zeigte sich aber auch in allen Bächen und Flüsschen, die in sie münden. Besonders gern hielt er sich in der Warne auf und bevorzugte in ihr vor allem ihre mächtige Quelle in Langenholzen, den Gottesbrunnen. Dieser ist heute noch der Kinderbrunnen, aus dem der Klapperstorch die kleinen Kinder holt.
Wünschte sich ein Junge eine kleine Schwester, so knotete er einen Zuckerplocken an die Angel, hing sie ins Wasser des Gottesbrunnens und sang dazu: „Adebar, diu bester, bring meck en lüttje Swester!“ Wollte er aber einen Bruder, so bat er: „Adebar, dui goder, bring meck en lüttjen Broder!“ Zog er dann die Angel heraus, und der Zuckerplocken war nicht mehr dran, so war das ein gutes Zeichen. Dann hatte Hakemann ihn angenommen, um sich beim Klapperstorch als Fürsprecher zu verwenden. Sass der Zuckerplocken aber noch dran, so war Hakemann gewiss böse gesonnen, weil er einmal einige von seinen Forellen gefangen hatte.
Das konnte Hakemann auf den Tod nicht leiden; denn er war Herrscher aller Fische, aller Nixen und Wasserelfen, aller Tiere, die im und am Wasser wohnen. Dennoch trug er keine Königskrone. Er stülpte sich auf den mit Schlanggewächsen und Algen bedeckten Kopf lieber ein großes Huflattichblatt, wie sie an den Bächen wachsen. Es war seine Schlafmütze. Ja, er schlief viel und gern, um dann ganz plötzlich wieder da zu sein, dann, wenn unvorsichtige Kinder am Wasser der Warne tobten oder gar wieder hinter seinen Forellen herwaren.
In solchem Augenblick zeigte er sich als böser, niederträchtiger Geist. Er trug auch als Zeichen seiner Herrscherwürde kein Zepter, sondern einen langen Haken, der ihm den Namen gab. Damit fasste er unbarmherzig nach Mädchen und Jungen, zog sie rachsüchtig in den tiefsten Strudel und ließ sie elend ertrinken.
Noch heute warnen viele Eltern ihre Kinder mit den Worten: „Sieh dich vor, dass der Hakemann dich nicht holt!“ Ist aber wieder ein Ertrunkener zu beklagen – und kaum ein Jahr vergeht ohne ein solches Unglück -, so sagt man im Land an der Leine wie ehedem: „Der Hakemann hat sich ein Opfer geholt“.


Entnommen aus Hoike „Sagen und Erzählungen aus dem Land zwischen Hildesheimer Wald und Ith“ von Wilhelm Barner, erschienen in der Schriftenreihe des Heimatmuseums Alfeld, Nr. 7


Letzte Bearbeitung: 15.06.2019