Hansestadt Alfeld?

Alfeld (Leine) und die Hanse

Historische Zugehörigkeit, Quellenlage
und die Frage einer bis heute fortgeltenden Mitgliedschaft

Eine quellenbasierte lokalhistorische Untersuchung
nach Chroniken, Fachliteratur, institutionellen Darstellungen und
Presseüberlieferung

Arbeitsfassung · Juli 2026


Vorwort: Ein großer Name und eine schwierige Frage

Alfeld bezeichnet sich heute als Hansestadt und wird sowohl von der Stadt selbst als auch vom Städtebund DIE HANSE als solche geführt. Die historische Begründung wird regelmäßig auf das Jahr 1426 zurückgeführt: Damals trat Alfeld dem Sächsischen Städtebund bei. Daraus ergibt sich jedoch nicht ohne Weiteres eine Mitgliedschaft nach heutigem Vereins- oder Körperschaftsrecht. Die mittelalterliche Hanse besaß weder eine Gründungsurkunde noch eine einheitliche Verfassung oder eine amtliche, dauerhaft gültige Mitgliederliste.

Die zentrale Frage dieser Untersuchung lautet deshalb nicht nur, ob Alfeld zur Hanse gerechnet werden kann. Zu prüfen ist vielmehr, auf welcher Quellenbasis diese Einordnung beruht, welche Form der Beteiligung für eine kleine binnenländische Stadt anzunehmen ist und ob aus dem Umstand, dass die historische Hanse 1669 nicht förmlich
aufgelöst wurde, eine bis heute fortgeltende Mitgliedschaft Alfelds abgeleitet werden kann.

Das Ergebnis fällt differenziert aus: Die Einordnung Alfelds als historische Hansestadt ist in der lokalen Überlieferung und in der heutigen hansischen Erinnerungskultur fest verankert. Eine rechtlich oder organisatorisch bis heute fortbestehende Mitgliedschaft in der mittelalterlichen Hanse lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Die heutige Mitgliedschaft besteht in einem 1980 neu gegründeten, freiwilligen Städtebund.

Quellenlage und Arbeitsweise

Ausgewertet wurden vor allem die im Dropbox-Bestand von alt-alfeld.de nachgewiesenen Chroniken und Arbeitsfassungen, darunter die „Chronik zur Stadtgeschichte Alfeld (Leine)“, Darstellungen von Gerhard Kraus, die Kleine Heimatkunde des Kreises Alfeld sowie die lokale Presseüberlieferung. Ergänzend wurden die offiziellen Darstellungen der Stadt Alfeld, des Städtebundes DIE HANSE, universitäre Fachbeiträge und Veröffentlichungen des Hansischen Geschichtsvereins herangezogen.

Bei der Bewertung wurde zwischen vier Aussagearten unterschieden:

– lokalchronikalisch überlieferte Angaben, insbesondere der Beitritt zum Sächsischen Städtebund im Jahr 1426

– institutionelle Selbstdarstellungen der Stadt Alfeld und des heutigen Städtebundes DIE HANSE;

– allgemeine fachwissenschaftliche Aussagen über Rechtsnatur, Organisation, Mitgliedschaft und Ende der historischen Hanse;

– moderne Presse- und Veranstaltungsberichte, die die heutige Pflege der hansischen Tradition dokumentieren.

Quellenkritischer Hinweis: Die online abrufbare Stadtporträt-Seite Alfelds nennt für ihren Hanseabschnitt ausdrücklich Wikipedia als Quelle (Abrufstand 12.10.2020). Sie belegt damit die heutige kommunale Darstellung, ersetzt aber keinen mittelalterlichen Primärnachweis.

1. Was war die Hanse?

Die Hanse entstand nicht durch einen einzelnen Gründungsakt. Ihre älteren Wurzeln lagen in genossenschaftlichen Zusammenschlüssen niederdeutscher Fernkaufleute. Aus der Kaufmannshanse entwickelte sich seit dem 13. und 14. Jahrhundert eine Städtehanse, in der Städte die Interessen ihrer Kaufleute gemeinsam vertraten, Handelsprivilegien sicherten und in Konfliktfällen politisch oder militärisch handelten.

Mit modernen Organisationsbegriffen ist diese Gemeinschaft nur eingeschränkt zu beschreiben. Sie hatte kein fest umrissenes Territorium, keine geschlossene Verfassung, keine dauerhafte Zentralverwaltung und keine regelmäßigen gemeinsamen Einnahmen. Der Hansetag war das wichtigste Beratungs- und Beschlussorgan; doch nicht alle Städte nahmen selbst teil. Gerade kleinere Städte wurden häufig von größeren Nachbarstädten vertreten.

Grundlage: Universität Hildesheim, Zusammenfassung des Vortrags von Annette von Boetticher (2008); Städtebund DIE HANSE, „Der Städtebund“; Historisches Lexikon Bayerns, „Städtebünde (Mittelalter/Frühe Neuzeit)“.

Mitgliedschaft ohne Mitgliedsausweis

Die Frage, wann eine Stadt „Mitglied“ der Hanse war, ist deshalb schwieriger als bei einem heutigen Verband. Es wurden keine vollständigen offiziellen Mitgliederlisten geführt. Zugehörigkeit zeigte sich vielmehr im tatsächlichen Handeln: in der Nutzung hansischer Privilegien, in Handelsbeziehungen, in der Teilnahme oder Vertretung auf Hansetagen, in Bündnissen, Hilfeleistungen und gemeinsamen politischen Maßnahmen.

Für Alfeld ist daher weniger nach einer verlorenen Aufnahmeurkunde zu fragen als nach seiner Einbindung in ein regionales Städtenetz, das seinerseits mit der Hanse verbunden war. Genau hier kommt dem Sächsischen Städtebund die entscheidende Bedeutung zu.

2. Alfeld im 14. und 15. Jahrhundert

Alfeld war im späten Mittelalter eine kleine, befestigte Stadt im Hochstift Hildesheim. Handwerk, Markt und regionaler Handel prägten die wirtschaftliche Entwicklung. Die lokale Überlieferung nennt Bier, Hopfen, Leinwand und Leinengarn als wichtige Handelsgüter. Die Zünfte der Bäcker, Leineweber und Wollenweber sind für das 14. Jahrhundert belegt; die Gewandschneider gehörten zur kaufmännischen Führungsschicht.

Die Stadt lag nicht an Nord- oder Ostsee und besaß kein eigenes Hansekontor. Ihre hansische Bedeutung ist deshalb nicht mit Lübeck, Hamburg, Braunschweig oder Hildesheim gleichzusetzen. Sie ergab sich aus regionalen Verkehrs- und Handelsbeziehungen und aus der Zugehörigkeit zu einem Städtebund, der größere und kleinere Städte des sächsischen Raumes verband.

Der Beitritt von 1426

Die ausgewertete Alfelder Chronik-Arbeitsfassung nennt für 1426 den Eintritt Alfelds in den Sächsischen Städtebund und bezeichnet diesen als „mit der Hanse verbundenes Schutz- und Handelsbündnis“. Die Stadt Alfeld formuliert auf ihrer Internetseite, Alfeld sei dadurch „indirekt“ zu einer Hansestadt geworden. Dieselbe Einordnung findet sich in der neueren lokalen Presse.

Diese Formulierung ist wichtig. Sie behauptet keine unmittelbare Aufnahme Alfelds durch einen zentralen hansischen Rechtsakt, sondern leitet die hansische Stellung aus dem regionalen Bündniszusammenhang ab.
Für eine kleine Stadt entsprach eine mittelbare Beteiligung über größere Städte und regionale Bündnisse den lockeren Strukturen der Hanse.

Dropbox: „Chronik_Stadtgeschichte_Alfeld_Arbeitsfassung.docx“, Eintrag 1426. Stadt Alfeld: „Stadtportrait“. Leine-Deister-Zeitung vom 26.06.2024: „Hansetreck startet: Erster Halt ist in Alfeld“.

3. Der Sächsische Städtebund und die hansische Einbindung

Der Sächsische Städtebund gehörte zur spätmittelalterlichen Bündnislandschaft zwischen Elbe und Weser. Solche regionalen Zusammenschlüsse dienten der Friedenssicherung, dem Schutz von Verkehrswegen, der gegenseitigen Hilfe und der Abstimmung gemeinsamer Interessen. Zugleich waren führende Städte dieses Raumes in die Hanse eingebunden.

Für Alfeld bot ein solcher Bund einen realistischen Zugang zu überregionalen Strukturen. Die Stadt konnte Schutz und politische Vertretung gewinnen, ohne selbst dauerhaft Gesandte zu weit entfernten Hansetagen entsenden zu müssen. Die Bezeichnung „indirekte Hansestadt“ beschreibt diesen Sachverhalt daher vorsichtiger als die Vorstellung einer formal besiegelten Einzelmitgliedschaft.

Was ist konkret belegt – und was nicht?

Belegt bzw. überliefert In den ausgewerteten Quellen nicht belegt
Beitritt Alfelds zum Sächsischen Städtebund 1426 eine erhaltene hansische Aufnahmeurkunde für Alfeld
lokale Handelsbedeutung von Bier, Hopfen, Leinwand und
Leinengarn
eine eigene dauerhafte Alfelder Vertretung auf Hansetagen
heutige Einordnung Alfelds als kleine bzw. indirekte Hansestadt ein eigenes Hansekontor oder besondere Alfelder
Hanseprivilegien
regionale Einbindung in ein mit der Hanse verflochtenes
Städtenetz
eine lückenlose mittelalterliche Mitgliederliste mit Alfeld

4. Alfelds Rolle innerhalb der historischen Hanse

Die Quellen erlauben keine Darstellung Alfelds als politisches oder wirtschaftliches Zentrum der Hanse. Sie stützen vielmehr das Bild einer kleinen Landstadt am Rand des hansischen Kernraums. Ihre Bedeutung lag im regionalen Markt, im Textilhandwerk, im Bier- und Hopfenhandel sowie in der Verbindung zu größeren Handelsorten.

Alfelds Stellung war damit nachgeordnet, aber nicht bedeutungslos. Die Hanse war gerade kein Bund ausschließlich großer See- und Hafenstädte. Zu ihrem weitgespannten Netz gehörten auch kleinere Binnenstädte, deren Kaufleute Waren erzeugten, sammelten, weiterleiteten oder regionale Märkte versorgten. Für solche Orte waren regionale Städtebünde und die Vertretung durch größere Städte besonders wichtig.

Handel, aber keine überlieferte Großmachtstellung

Die in der lokalen Geschichtsdarstellung genannten Waren passen in das Wirtschaftsprofil des Leineberglandes. Leinwand und Leinengarn konnten über regionale Zwischenhändler in größere Handelsketten gelangen; Bier und Hopfen waren zugleich lokale und überregionale Handelsgüter. Die bloße Nennung dieser Waren beweist jedoch nicht, dass Alfelder Händler regelmäßig an allen großen hansischen Fernhandelsplätzen tätig waren.

Eine quellengetreue Darstellung muss deshalb zwischen plausibler wirtschaftlicher Einbindung und konkret belegten Einzelgeschäften unterscheiden. Für letztere wären weitere Untersuchungen in Zollregistern, Kaufmannsbüchern, städtischen Rechnungen, Hanserezessen und den Archiven größerer Partnerstädte erforderlich.

5. Das Ende der historischen Hanse

Im Juli 1669 fand in Lübeck der letzte Hansetag der historischen Hanse statt. Nur sechs Städte waren anwesend, drei weitere ließen sich vertreten. Der Niedergang war das Ergebnis langfristiger Veränderungen: territoriale Staaten gewannen an Macht, Handelswege und Wirtschaftsstrukturen wandelten sich, konfessionelle Gegensätze und der Dreißigjährige Krieg schwächten den gemeinsamen Handlungsraum.

Die Hanse wurde nicht durch einen förmlichen Auflösungsbeschluss beendet. Dieser häufig hervorgehobene Umstand darf aber nicht mit einem bis heute fortbestehenden Verband verwechselt werden. Nach 1669 entfaltete die historische Hanse keine gemeinsame politische oder wirtschaftliche Tätigkeit mehr. Gerade weil sie keine Körperschaft mit moderner Satzung, Mitgliederregister und dauerhafter Rechtsfähigkeit war, lässt sich ihr Schweigen nicht als fortbestehende Mitgliedschaft sämtlicher früher zugerechneter Städte deuten.

Städtebund DIE HANSE: „Der Hansetag“ und „Der Städtebund“; letzter Hansetag 1669, keine formelle Auflösung, danach keine politische oder wirtschaftliche Rolle.

6. Gilt Alfelds historische Mitgliedschaft bis heute fort?

Im herkömmlichen, historischen Sinne lautet die Antwort: nein. Es gibt keine belastbare Grundlage dafür, Alfeld heute als fortdauerndes Mitglied derselben mittelalterlich-frühneuzeitlichen Organisation zu behandeln. Dafür sprechen drei Gründe:

– Die historische Hanse kannte keine mit heutigen Verbänden vergleichbare, dauerhaft registrierte Mitgliedschaft.

– Nach dem letzten Hansetag 1669 bestand über Jahrhunderte keine gemeinsame hansische Organisationstätigkeit fort.

– Der heutige Städtebund wurde 1980 neu gegründet und besitzt eigene Aufnahmebedingungen, Gremien und Ziele.

Richtig bleibt zugleich: Die Hanse wurde 1669 nicht förmlich aufgelöst. Diese historische Tatsache erklärt, warum gelegentlich von einer fortlebenden Tradition gesprochen wird. Sie begründet aber keine ununterbrochene rechtliche oder institutionelle Kontinuität. „Bis heute Hansestadt“ ist deshalb als historische Herkunfts- und Traditionsbezeichnung tragfähig, nicht als Nachweis einer seit 1426 ohne Unterbrechung bestehenden Mitgliedschaft.

7. Die Hanse der Neuzeit

Der heutige Städtebund DIE HANSE wurde 1980 in Zwolle gegründet. Er versteht sich ausdrücklich als freiwillige Städtegemeinschaft, die das gemeinsame hansische Kulturerbe belebt und zur europäischen Zusammenarbeit beitragen will. Anders als die historische Hanse verfügt er über eine Delegiertenversammlung, ein Präsidium, Aufnahmeverfahren und festgelegte Ziele.

Alfeld wird auf der offiziellen Internetseite des Städtebundes als  Mitgliedsstadt geführt. Nach Angaben der Stadt nimmt Alfeld seit Ende der 1990er-Jahre an den Internationalen Hansetagen der Neuzeit teil.
Delegationen, Jugendbegegnungen, gemeinsame Präsentationen mit Gronau und Veranstaltungen wie der Hansetreck 2024 dokumentieren die aktive heutige Traditionspflege.

Diese heutige Mitgliedschaft ist eigenständig. Sie knüpft an die historische Einordnung Alfelds an, setzt sie aber nicht rechtlich fort.
Der moderne Städtebund ist eine Neugründung mit kultur-, tourismus- und europapolitischen Zielen, kein wiederaufgenommenes mittelalterliches Handelsbündnis.

Stadt Alfeld: „Internationale Hansetage der Neuzeit“. Städtebund DIE HANSE: Mitgliedsstadt Alfeld und „Städtebund mit Tradition“.
Leine-Deister-Zeitung, 26.06.2024.

Fazit

Alfeld kann auf Grundlage der lokalen Überlieferung und der heutigen hansischen Einordnung als historische Hansestadt bezeichnet werden. Ausgangspunkt ist der für 1426 überlieferte Beitritt zum Sächsischen Städtebund. Die Stadt war damit in ein regionales Bündnis eingebunden, das mit der Hanse verflochten war. Für die kleine Binnenstadt ist eine mittelbare, durch größere Städte und regionale Strukturen getragene Beteiligung wahrscheinlicher und quellenmäßig vorsichtiger formuliert als eine unmittelbare Aufnahme nach modernem Mitgliedschaftsverständnis.

Nicht belegt ist eine seit 1426 ununterbrochen fortgeltende Mitgliedschaft in derselben Organisation. Die historische Hanse wurde zwar nie förmlich aufgelöst, stellte ihre gemeinsame Tätigkeit aber nach dem letzten Hansetag 1669 ein. Aus dieser fehlenden Auflösung folgt keine fortdauernde Rechts- oder Verbandsmitgliedschaft Alfelds.

Die bis heute bestehende, nachweisbare Mitgliedschaft betrifft den 1980 neu gegründeten Städtebund DIE HANSE. Sie bewahrt und vermittelt das historische Erbe, ist jedoch organisatorisch und rechtlich von der mittelalterlichen Hanse zu unterscheiden. Die sachlich genaueste Kurzform lautet daher: Alfeld ist eine historisch als indirekte Hansestadt eingeordnete Stadt und heute Mitglied im Städtebund DIE HANSE; eine ununterbrochene Mitgliedschaft in der historischen Hanse besteht nicht.

Offene Forschungsfragen

– Welcher konkrete Bündnisbrief oder welche städtische Überlieferung belegt Alfelds Beitritt zum Sächsischen Städtebund 1426?

– Wurde Alfeld in Hanserezessen, Einladungslisten oder regionalen Korrespondenzen ausdrücklich genannt oder durch Hildesheim, Braunschweig oder eine andere größere Stadt vertreten?

– Welche Alfelder Kaufleute lassen sich in Zoll-, Handels- oder Kontorquellen außerhalb der Stadt nachweisen?

– Welche Rolle spielten die Gewandschneider und Leineweber im überregionalen Absatz von Leinwand und Garn?

– Wann wurde Alfeld förmlich in den 1980 gegründeten Städtebund DIE HANSE aufgenommen? Die ausgewertete städtische Darstellung nennt die Teilnahme seit Ende der 1990er-Jahre, aber kein exaktes Aufnahmedatum.

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