Der Justizwachtmeister

Wenn wir morgens zur Schule gingen, konnten wir oft den Justizwachtmeister Albrecht mit seinem Schäferhund beobachten. Er hatte dann meist zu dieser Zeit bereits einen Gefangenen von der Bahn abgeholt, der seine Strafe im hiesigen Amtsgerichtsgefängnis absitzen musste.
Es amüsierte uns jedes Mal, dass der Schäferhund den Gefangenen leicht in die Waden kniff oder auch nur anstupste, wenn dieser stehen bleiben wollte.
Oftmals erkannten wir den Gefangenen sogar, es war dann der „Stammgast” Matthes aus Klump hinter Freden. Wachtmeister Albrecht und Frau walteten gewissenhaft und sehr milde ihres Amtes. Oft wurden Gefangene zum Außendienst herangezogen, und der Schäferhund Harras passte gut auf; er ließ übrigens alle Fremden wohl ins Gebäude, aber niemanden wieder hinaus.
Matthes aus Klump war zwar ein raffinierter Gauner, aber auch in seiner Art originell und fast etwas liebenswert. Im Herbst, wenn es draußen unwirtlich wurde, verstand er es immer, ein kleines Ding zu drehen, das ihn für die Wintermonate in den Knast brachte, wo er sich vieler Annehmlichkeiten erfreuen konnte. Er war nämlich sehr praktisch begabt und konnte sich daher sehr nützlich machen, so dass es ihm an Arbeit nicht mangelte. Immerhin schrieb man das Jahr 1929, und billig ist nun mal, was nichts kostet. Matthes war unentbehrlich geworden. Im Frühjahr brachte Matthes dann noch den Garten des Amtsgerichtsrats in Ordnung, und meist war die Strafe dann abgesessen.
Aber wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis tanzen. So erging es dann eines Tages Matthes, als er auf freiem Fuß war und von Beamten des Amtsgerichts in der Nähe des Gebäudes auf der Kalandstraße beobachtet wurde. Das war ungewöhnlich. Wachtmeister Albrecht wunderte sich daher, als Matthes klingelte und ihn an der Tür treuherzig bat, von ihm frischen Kohl mehrmals in der Woche preiswert abzukaufen: der Kohl stamme aus seinen eigenen Kulturen im neu erworbenen Garten. Der Kauf wurde mehrmals perfekt, nur lichteten sich inzwischen die Kohlreihen in dem Gefängnisgarten. Albrecht schöpfte Verdacht. Ihm blieb nichts anderes übrig, als in der Dämmerung aus einem Versteck dem Dieb aufzulauern. Und Matthes kam, drückte sich bei einem Geräusch wie ein Hase zwischen die Kohlköpfe, aber Albrecht schnappte ihn am Kragen und führte ihn am nächsten Morgen dem Untersuchungsrichter vor. Diesmal konnte er sich schlecht ausreden, aber er hätte ohnehin länger brummen müssen. Doch das Klauen ließ er nicht, und ich glaube, im Gericht wartete man auch ganz gern mal wieder auf den kleinen Gauner, der sich so nützlich machen konnte.

Quelle: Otto Granzow aus Alfelder Geschichten, 1983