Der Professor und der Staatsanwalt

Seit vielen Jahrzehnten war die kleine Stadt Sitz pädagogischer Einrichtungen und später einer Hochschule, Dozentenschaft und Studierende. Zusammen rund fünfhundert Damen und Herren waren voll integriert, wenn der Hochschule hier und da auch der leise Vorwurf gemacht wurde, sich zu sehr zu isolieren, was die kulturellen und wissenschaftlichen Belange anbetraf. Aber wer Lust und Interesse für die Tätigkeit in dem Jugendstilgebäude hatte, fand hier manche Anregung, Diskussionen interessante Vorträge und gesellige Zusammenkünfte. Bis dann auf politischer Ebene beschlossen wurde, die Hochschule in die nächste größere Stadt, Sitz der Regierung und des bischöflichen Ordinats, zu verlegen. Die Meinung in der Dozentenschaft war geteilt, die meisten Professoren waren aber wohl für die Umsiedlung, ihnen war die kleine Stadt denn doch zu provinziell.

Auch die Damen hatten eine Rolle gespielt, dass die Entscheidung schließlich für die größere Stadt fiel. Die Einwohner der Kleinstadt aber bedauerten den Fortzug. Nicht allein wegen der guten Kontakte, die über viele Jahre geknüpft worden waren, auch die finanzielle Seite war nicht unbedeutend: Mancher Häuslebauer hatte die Miete der Studierenden mit eingeplant, um die Last der Hypotheken erträglich zu gestalten. Für sie war es ein Schock als die Übersiedlung feststand. Alle Versprechungen, dass ein vollwertiger Ersatz gefunden würde, blieben leer. Die Politiker der kleinen Stadt hatten selbst auch nie so recht daran geglaubt. Die Hintergründe wurden heftig und lange diskutiert. Dann schlief das Interesse ein, man fand sich mit der Verlegung ab. Am meisten bedauerten das wohl die Geschäftsleute, unter ihnen vor allem die Gastwirte. Wenn auch nicht jeder Studierende oder Dozent den Drang zum kühlen Biere spürte, so blieb doch so manche Mark in der Kasse für Hopfen, Malz und Korn hängen. Zu den Dozenten die sich des Öfteren mit den Studenten in kleinen und Großen Kneipen trafen, gehörte Professor Dr., Karl S. Er war kein Mann von Traurigkeit, verstand es manchmal recht kräftig auf die Pauke zu hauen, sein Fassungsvermögen war beträchtlich, sein Standvermögen bewundernswert. Seine Heimstatt hatte er in der Bischofstadt bereits vor einiger Zeit aufgeschlagen – das günstige Grundstücksangebot konnte er nicht abschlagen. So musste er dann manches liebe Mal abends mit dem Zug heimfahren. Nachdem er einmal durchgeschlafen hatte bis Hamburg und er erst am nächsten Morgen einen Zug zurück bekam, brachten ihn gute Freunde hier und da zum Bahnhof, drückten dem Beamten im Zug ein paar Mark in die Hand und baten ihn, den „müden Professor“, der stark überarbeitet sei, unbedingt am Zielort aus dem Zug zu werfen. Das klappte denn auch recht gut.

Die Geschichte spielte sich in der größeren Stadt ab und zeigt einmal mehr, wie gefährlich das Leben in der Großstadt sein kann:

Professor Dr. S. hatte sich für diesen Freitag frei genommen er wollte zu Hause ein ruhiges Wochenende feiern, einiges aufarbeiten, Post erledigen und mit seiner Frau spazieren gehen. Es kam alles ganz anders. Zwar hatte er einiges erledigen können an diesem Freitag, aber was dann geschah, war nicht eingeplant. Am Abend sagte er zu seiner Frau: „Ich bringe eben noch die Post zum Kasten, dann geht sie heute noch weg.“ „Aber Du kannst doch nicht in Joppe und Hausschuhen auf die Strasse“, warf die Frau ein.

Die 100 Meter machten doch wohl nichts aus und im Übrigen kenne ihn ja kaum jemand hier. Und Karl S. schob los, er hatte wirklich nichts Böses im Sinn.
Als er die Briefkastenklappe fallen ließ, erblickte er auf der anderen Seite des Kastens einen Herrn, der ebenfalls Briefe abgeliefert hatte. Sie starrten sich an, dann machte der Herr einen Luftsprung, schrie auf: „Mensch Karl.“ machte einen zweiten Satz und fiel unserem Professor um den Hals. Der schaltete auch, benahm sich ebenfalls auffällig und gar nicht professorenhaft, rief: „Mensch Paule“ und schlug seinem Gegenüber kräftig auf die Schulter.

Es hatten sich seit Jahren zwei Studienfreunde wieder gefunden, die sich schon lange aus den Augen verloren, aber beide durch großes Glück den Krieg überstanden hatten. „Was machst Du denn so“, fragte Karl, „ich bin hier Staatsanwalt und Du?“ „Ich bin Professor.“ Man versicherte sich gegenseitiger Hochachtung. Der Herr Staatsanwalt meinte spontan: „Darauf müssen wir einen nehmen.“ Den Einwand, er könne doch nicht mit Hausschuhen in eine Gaststätte gehen, ließ Paule nicht gelten. „Ich kenne den Wirt.“ Und so nahm das Unheil seinen Lauf.
Es wurde erzählt und sich erinnert, an die Dozenten und die Mädchen. „Dass Du mir die kleine Blonde damals ausgespannt hast, habe ich Dir lange nicht verziehen.“ sagte der Professor. „Beruhige Dich, Du kannst sie wieder sehen, sie ist meine Frau geworden.“
So verflossen die Stunden und der Wirt bat darum Feierabend machen zu dürfen. Man hatte schon ganz schön einen im Kasten. „Und dann ziehen wir mit Gesang in das nächste Restaurant“, stimmte der Staatsanwalt an und Arm in Arm ging es weiter. Nun, so gegen drei Uhr in der Frühe entdeckte eine Polizeistreife zwei Figuren in einem Hauseingang liegen. „Stopp mal“, sagte der Streifenführer, man schritt in Richtung der friedlich schlummernden.

„Bitte aufstehen“, sagte der Polizeibeamte und meinte, der Eine müsse wohl hier wohnen denn er habe Hausschuhe an. Er rüttelte die Schlafenden wach, sagen wir „halbwach“ und auf die Aufforderung, einen Ausweis zu zeigen antwortete der Professor mit einer deutlichen Aufforderung, der der Beamte keinesfalls nachkommen wollte. „So nicht, „ wurde er ernst, „die Personalien bitte.“
„Ich heiße… “ das Gemurmel war nicht zu verstehen, nur eines verstand der Beamte: „Professor“.
„Einfälle haben die Leute. Bin mal gespannt was der Andere angeblich von Beruf ist.“ Der stotterte etwas von Gericht und Staatsanwalt. Ja, meinte der Polizist, „dann bin ich Bundesrichter.“ Worauf der Staatsanwalt noch so eben „Grüß Gott, Herr Kollege“, raus brachte und sanft wieder einschlief.

Beide wurden in den Streifenwagen verfrachtet und zwecks Ausnüchterung zum Polizeirevier gebracht. „Wir haben hier zwei, einer Professor und einer Staatsanwalt, aber sonst ganz harmlos.“ Die Pritschen waren hart, aber das merkten sie nicht. Morpheus Arme waren weich bis 8 Uhr, dann ertönte der Ruf: „Aufstehen meine Herren.“
Die beiden starrten sich an „Mein Gott, was ist passiert?“ stöhnte der Professor, „mein Kopf, und ich verdurste.“ Dem Anderen ging es nicht besser. Die kurze Vernehmung durch die neue Besatzung des Reviers verlief zunächst ergebnislos. „Aber bitte erzählen Sie uns nicht wieder das Märchen von Professor und Staatsanwalt.“ Erst nach der ernsten Bitte, doch einmal in der Zentrale nachzufragen, ob ein Professor vermisst wird, griff der Beamte zum Telefon. Und wurde starr. Dann blickte er Dr. S. an, nickte mit dem Kopf, „Hausschuhe, Hausjoppe, stimmt.“ Und ließ fassungslos den Hörer sinken. „Nun fehlt nur noch, dass Sie“, fragte er den anderen Unrasierten, „tatsächlich Staatsanwalt sind, “ „Dann trifft mich der Schlag.“ Er wurde nicht getroffen, aber es stimmte. Nach einem Anruf beim Amtsgericht“, dort habe ich um neun Uhr eine Verhandlung, fragen Sie wer die Anklage vertritt.“ Die Beschreibung passte ebenfalls.
Mit einigen Entschuldigungen, aber auch mit dem Hinweis, in Zukunft die Personalausweise bei sich zu tragen, wurden die beiden Kameraden im Streifenwagen nach Hause gefahren. Dort wurde der Professor von einem erleichterten, liebevollen Weib nach einem Bad ins Bett gesteckt.
Der Andere, der Herr Staatsanwalt hatte an dem Morgen eine Anklage wegen öffentlichen Ärgernisses unter Alkoholeinfluss und Widerstandes gegen die Staatsgewalt, sprich Polizei, zu vertreten. Sein Antrag fiel trotz Wiederholungsfalles äußerst milde aus, was auch der Herr Richter mit einem gewissen Erstaunen vermerkte.
Worauf der Staatsanwalt meinte:“ Ist doch alles nur menschlich, Herr Richter.“