Kneipentour

Eines der bemerkenswertesten Lokale war die „Tote Tante” in der Sedanstraße.
Der Geschäftsbetrieb begann hier schon früh. Bereits morgens wurde aus einem kleinen Fenster für einen Groschen Schluck zum Mitnehmen in die Fabrik verkauft. Der andere Teil des Ladens diente dem Verkauf von Tabakwaren, insbesondere Priem. Inhaber dieser „Gaststätte” waren die Damen Fröhlich. Aber um Missverständnissen vorzubeugen: das Lokal wurde aus dem Grunde Tote Tante genannt, weil gleichnamiges Kartenspiel dort sehr beliebt war. Die Damen erfreuten sich lange bester Gesundheit. Nachfolger wurde übrigens Henry Wiese.

Wenn wir nun einmal bei den Gaststätten sind, wollen wir auch Richard Nieß mit seinem „Hotel Edelweiß” nicht vergessen. Richard Nieß war außerdem Kutscher bei Fabrikant Woge von der Papierfabrik. Er fuhr jede Woche zweimal seinen Chef mit der Kutsche zum Gronauer Werk. Nieß galt als größter Pferdekenner in Alfeld. Seine Fahrten zum Tattersall brachten ihm oft mehr ein, als der Erlös aus der Gaststätte.

Zu den bekannten Alfelder Gaststätten gehörte auch das Hotel „Zur Krone” mit seinem Besitzer Waldemar Hartmann, der auch für die notwendigen originellen Geschichten sorgte. Bei ihm gab es nicht nur Bier vom Fass, sondern es war auch üblich, es schoppenweise zur Papierfabrik zu liefern.
Zu erwähnen ist an dieser Stelle natürlich auch die Gaststätte August Thielke, das spätere Hotel Gödecke am Bahnhof. Zu den regelmäßigen Besuchern des Hauses Thielke gehörte auch der verdienstvolle Alfelder Stadtkämmerer August Renders. Er war ein pflichtgetreuer Beamter dieser Stadt. Die Würde des Amtes drückte er durch seine Bekleidung aus. Er trug grundsätzlich einen Stresemann und eine Melone. Sein Weg aus der Stadt in das Dohnser Viertel wurde beim alten Bahnübergang unterbrochen, durch den Besuch der Gaststätte Thielke. Hier wurden die Karten gemischt.

Die „Besseren Sachen” wurden natürlich auch bei Fritze Peck auf dem Schlehberg und bei Heinrich Rademacher in der Waldlust ausgeschenkt. Köstlich ist die Geschichte um den Likör „Mocca Sahne”. Natürlich waren hier auch Willi Wehr und Heinrich Wimbeck mit von der Partie. Letzterer ging später als Alfeld ältester Junggeselle beim Freischießen in die Geschichte ein. In der Waldlust wurde also gewettet, dass Fritze Peck keinen Mocca Sahne auf dem Schlehberg führte. Heinrich Rademacher setzte als Wettpreis eine Flasche eben dieses Getränkes aus. Die Gesellschaft stiefelte zum Schlehberg. Natürlich hatte einer der Gäste bei Heinrich Rademacher, ohne dessen Wissen, eine Flasche Mocca Sahne entführt. Fritz Peck wurde gleich ins Bild gesetzt und Heinrich Rademacher erlebte, dass im Hotel Schlehberg tatsächlich jenes so seltene Getränk ausgeschenkt wurde. Natürlich war er ahnungslos, dass es sich um seine eigene Flasche handelte, die er nun nochmals bezahlen musste.

(Alfeld galt lange als die Stadt in Niedersachsen mit der größten Dichte an gastronomischen Betrieben)

Quelle: Anneliese Peck & SIEBEN: Februar 1999