Chronik

1900

Mit Datum vom 27.10.1900 stellte der Alfelder Fabrikbesitzer Wilhelm Menge einen Bauantrag, gerichtet an den „Königlichen Landrath“ des Kreises Alfeld.

In der Einleitung zu dem Erläuterungsbericht heißt es wörtlich: Neubau eines Gesellschaftshauses für den Kaufmann Wilhelm Menge in Alfeld auf seinem an der Bahnhofstraße und in der Ziegelmasch belegenen Grundstücks.

Der Entwurf stammte von dem Maurermeister Christian Lampe. Geplant war ein großer Saal (464 qm für 823 Personen) sowie ein kleiner Saal (111 qm für 201 Personen) dazu Hotelzimmer, Wohnungen, Restaurant und Laden.

Anmerkung:
Der Fabrikbesitzer Wilhelm Menge war für damalige Verhältnisse ein wohlhabender Mann. Er besaß nicht nur ein Dampfmühlenwerk mit Getreide- und Kohlenhandlung und Dampfholzsägerei, sondern vor allem ein Dampftonwerk in Alfeld und Hohenbüchen-Grünenplan für feine Verblender, Voll- und Hohlsteine sowie Dach- und Falzziegel. Als Produzent der Baumaterialien war Menge in der Lage, dieses für damalige Verhältnisse große Objekt kostengünstig zu erstellen.

 

Anno 1901

1901

Am 28. März 1901 erfolgte die Genehmigung des „Königlichen Landraths“ des Kreises Alfeld.

Anmerkung:
Aus den Bauakten geht hervor, dass es vor und während der Bauarbeiten offenkundig erhebliche Differenzen zwischen Bauherrn und Bauaufsicht gegeben hat. Der Streitpunkt war vor allem die Frage, welches schwer entflammbare Material bzw. welche unverbrennlichen Stoffe für den Bühnenbereich verwendet werden sollten.

 

Anno 1912

1912

Erwerb des Kaiserhof-Objektes durch den Gastwirt und Hotelier Paul Henne. Dieser schafft noch mehr Hotelzimmer durch Umwandlung der bis dahin genutzten Wohnungen und nennt fortan das Objekt „Hotel Kaiserhof“.

 

Anno 1925

1925

Der große Saal wird vom Turnverein „Sonnabendriege“ übernommen und künftig als Turn- und Festsaal genutzt. Mit dabei der Vater von Bäcker Karl Biel, Betreiber und Inhaber des Cafe Biel’s im Parterre des neuen Kaiserhof. (Anmerkung: Biel’s befindet sich seit 2007 nicht mehr im neuen Kaiserhof)
Es finden auch Theaterveranstaltungen dort weiterhin statt. Als Bevollmächtigte für den Turnverein traten F. Kunke und Fricke auf.

 

Anno 1942

1942

Nach dem Tode des Hoteliers Paul Henne wird durch Erbfolge dessen Witwe Wilma Henne, geb. Tilly, am 25. Februar 1942 im Grundbuch als alleinige Eigentümerin des Kaiserhof eingetragen. Diese veräußert noch im selben Jahr das Hotel an die Stadt Alfeld.

1942 Übernahme durch die Stadt Alfeld.

Während des Krieges und auch danach wurden die in den Geschossen des Kaiserhof-Objektes bis dahin genutzten Hotelzimmer umgewandelt in Familienwohnungen, so dass der Kaiserhof nach 1945 ein reiner Gastronomiebetrieb war. Auch der große Saal wurde nur wenig genutzt. Neben den zahlenmäßig doch geringen Großveranstaltungen (von Marika Rökk bis zu der Rockband „The ords“) fanden die Theatergastspiele des Göttinger Theaters im großen Saal des Kaiserhofes statt. An dieser Stelle sei erinnert an einen aktuellen Zusammenhang, nämlich die ersten Boxwettkämpfe zwischen Alfeld und Wakefield fanden auch im Kaiserhofsaal statt.
Neben den hohen Unterhaltungskosten stellte sich zunehmend die Notwendigkeit nach einer Sanierung, insbesondere der Gastronomieräume (Modernisierung der Küche, Erneuerung der elektrischen Anlagen im großen Saal).

 

Anno 1962

1962

Der Verwaltungsausschuss der Stadt Alfeld beriet am 31. Juli 1962 eingehend in einer Sitzung die Frage: Sind die Unterhaltungskosten für die Stadt Alfeld noch vertretbar und ist man bereit und in der Lage, die notwendigen Investitionskosten aufzubringen?
Nach eingehender und auch langer Diskussion kam der Verwaltungsausschuss einstimmig zu dem Ergebnis, sich von dem Kaiserhof-Objekt zu trennen. Die Verwaltung wurde beauftragt, Kaufverhandlungen mit Interessenten in die Wege zu leiten.

Noch im selben Jahr wurde ein Pachtvertrag mit den Kaiserhof-Betrieben Lange KG abgeschlossen. Dabei wurde der Lange KG ein Ankaufsrecht für das Kaiserhof-Objekt eingeräumt. Wegen der Höhe des Kaufpreises kam es jedoch zu keiner Einigung mit der Stadt.

 

Anno 1963

1963

Nach dem Scheitern der Kaufverhandlungen mit der Fa. Kaiserhof-Betriebe Lange KG hatte der Kaufmann Guttmann, Alfeld, ein Kaufangebot in Höhe von 250.000,- DM der Stadt unterbreitet.

In seiner Sitzung vom 26. September 1963 beschloss der Rat, dem Kaufmann Guttmann das Kaiserhof-Objekt zu veräußern. Guttmann war aber nicht in der Lage, den Kaufpreis in Höhe von
250.000,- DM, wie es der Rat in seinem Beschluss gefordert hatte, in einer Summe bei Abschluss des Vertrages an die Stadt auszuzahlen. Bei diesem Hin und Her mit Guttmann war ein neuer Kaufinteressent auf den Plan getreten, nämlich der Immobilien-Kaufmann Heinz Henkel aus Hannover. Dieser unterbreitete der Stadt ein notarielles Kaufangebot.

 

Anno 1964

1964

Aufgrund eines neuen Ratsbeschlusses wird der Kaufvertrag mit Heinz Henkel am 10. März 1964 besiegelt. Die Übergabe des Kaiserhof erfolgt am 1. April 1964.

Von Bedeutung ist in diesem Kaufvertrag die Regelung in Paragraph 6, wo es wörtlich heisst: „Der Erwerber verpflichtet sich, den im Kaiserhof befindlichen Saal einschließlich Bewirtschaftung den jetzigen Zwecken nicht zu entfremden und der Stadt Alfeld sowie anderen Interessenten für kulturelle und sonstige Zwecke gegen angemessene Entschädigung zur Verfügung zu stellen und dementsprechend zu unterhalten.“

 

Anno 1968

1968

Mit anwaltlichem Schreiben vom 23. Dezember 1968 trat der Kaufmann Heinz Henkel überraschend an die Stadt heran mit der Forderung, die Bindung des § 6 im Kaufvertrag aufzuheben, da eine weitere Vorhaltung des großen Saales bei den wenigen Veranstaltungen für ihn völlig unwirtschaftlich sei und von ihm künftig nicht mehr getragen werden könnte.
Zur Begründung wurde ausgeführt, dass seit 1963 die Zahl der Veranstaltungen im großen Saal rückläufig seien.
Während im Jahre 1963 noch 31 Veranstaltungen stattgefunden hätten, sei die Zahl 1966 auf 16 Veranstaltungen zurückgegangen. Die Mieteinnahme würde für das Jahr 1968 sich nur auf rd. 7.000,- DM belaufen.

 

Anno 1970

1970

In den Verhandlungen mit dem Kaufmann Heinz Henkel, die seitens der Stadt von Stadtdirektor Dr. Toetzke und Stadtkämmerer Willi Nikulka geführt wurden, ging es dann um die Frage einer Anmietung des Kaiserhofsaales durch die Stadt zu einem angemessenen Mietpreis. Die Bewirtschaftung des Saales hätte dann von der Stadt erfolgen müssen. Ferner wurde erwogen, einen jährlichen Unterhaltungskostenzuschuss in Höhe von mindestens 10.000,- DM an den Eigentümer zu zahlen.

Entscheidend beeinflusst wurden die Verhandlungen dadurch, dass die Rechtsposition der Stadt sich quasi über Nacht erheblich verschlechtert hatte. Ausschlaggebend hierfür war der Beschluss des Kreistages, am neu erbauten Alfelder Gymnasium eine Aula zu errichten, die wie ein Theaterbau, insbesondere für kulturelle Veranstaltungen aller Art genutzt werden konnte. Damit war auch aus der Sicht der Stadt Alfeld eine zwingende Notwendigkeit entfallen, an der Bindung bzw. Verpflichtung des Eigentümers Henkel hinsichtlich des großen Kaiserhofsaales festzuhalten.
Die Stadt Alfeld hatte mit der Aula des Gymnasiums einen modernen sowie auch gestalterisch hervorragend gelungenen Theater- und Festsaal zur Verfügung. Somit wurde der Kaufmann Heinz Henkel aus der Bindung zur Nutzung des Kaiserhofsaales entlassen und Henkel konnte endlich seine Pläne realisieren, den Saal einschließlich aller Nebenräume im Erdgeschoß des Gebäudes zur Errichtung eines SB-Marktes umzubauen.

 

Anno 1973

1973

Eröffnung eines Supermarktes VIVO. Die Obergeschosse wurden weiterhin als Wohnungen genutzt. Später Übernahme durch die in Niedersachsen ansässige Schaper-Gruppe, die den SB-Markt unter dem Namen „EXTRA-DISCOUNT“ weiterführte.

 

Anno 1984

1984

In diesem Jahr fand ein Eigentümerwechsel statt. Der bisherige Kaufmann Heinz Henkel veräußerte den Kaiserhof an die Pensionskasse der Deutschen Konsumgenossenschaften. Hinter diesem Eigentümerwechsel stand die COOP AG, die im Kaiserhof ein großes Einkaufszentrum einrichten wollte. Dazu kam es aber nicht, weil der COOP-Konzern, wie sich viele noch erinnern können, in eine wirtschaftliche Krise geriet.

Nachdem feststand, dass die COOP AG ihr Vorhaben nicht durchführen konnte, gab es in der Folgezeit immer wieder neue Interessenten, die den Kaiserhof zur Errichtung eines großen Einkaufszentrums erwerben wollten. Man kam jedoch nicht weiter, weil die Interessenten der am Kaiserhof-Objekt beteiligten Gruppen: Pensionskasse, SB-Markt-Betreiber und die COOP AG nicht unter „einen Hut“ zu bringen waren.

 

Anno 1995

1995

Als man schon von einer gewissen Ausweglosigkeit ausgehen musste, kam im Januar 1995 Bewegung in die Verhandlungen mit dem Auftreten des Generalbevollmächtigten Karl H. Klemme. Dieser handelte als Kommanditist für die in München ansässige, sehr wohl bekannte LANGENBAHN KG, Gesellschaft für Industrie- und Gewerbebau.

 

Anno 1996

1996

Nach zähen und langwierigen Verhandlungen gelingt es schließlich, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Noch im selben Jahr beginnt unter großem Aufsehen der Abbruch des alten Kaiserhof.

 

Anno 1997

1997

Am 27. August 1997, beginnt ein vollkommen neues Kapitel in der fast hundertjährigen, bewegten Geschichte des traditionsreichen Kaiserhof-Ensembles.

 

2007

2007

Mittlerweile feierte das „Kaiserhof-Carrée“ oder spöttisch auch die „Kaiser-Karre“ genannt ihr 10-jähriges Bestehen.
Herzlich Glückwunsch.

 

Heute…

2012

…. heute, also seit dem 30.06.2012, steht der Kaiserhof weitestgehend leer. Nachdem der REWE geschlossen wurde, „teilte“ man den anderen Geschäften mit ihre Läden zu schließen. Ja, so macht man das heute.

Tränen flossen am letzten Tag…

Somit befindet sich derzeit nur noch etwas Leben in der oberen Etage.

Ein Nachmieter wird (vielleicht verzweifelt) gesucht, oder sollte Alfeld doch wieder einen Kaiserhof wie „früher“ bekommen???

Wir wissen es leider nicht.

(Text: Stand 04. Januar 2013)

 

Vielen Dank an unseren ehemaligen Stadtdirektor, Dr. Christof Toetzke für diese Chronik, die aber sicherlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Über den Kaiserhof könnte man ganze Bände füllen.