Im Mittelalter bildete sich eine städtische Meisterschützentradition über das Vogelschießen mit der Armbrust als bürgerliche Waffenübung heraus. Nach dem Aufkommen der Handbüchsen schoss man dann auf kreisrunde Zielscheiben. Durch die Schützenvereine erhielt sich zwar die regelmäßige Schießausbildung, doch bei den beliebten Schützenfesten herrschten eher die, sportliche Einzelleistung und das gesellige Miteinander vor.
1589 befahl die Herzoglich Braunschweigisch-Wolfenbüttelsche Regierung, dass die Schießübungen nicht in Abgang kommen sollten. 1594 mussten sich sämtliche Bürger zur Musterung stellen und 1596 steht im Kämmereiregister die kurze Eintragung: “Den Schützen verehret 5 Gulden“. Dies ist die erste Erwähnung der Alfelder Schützen. 1609 schickte die Gemeinde ein Verzeichnis an das Amt Winzenburg und vermerkte bei jedem Namen, ob der Betreffende eine Banderole und dazu Mantel, Pumphosen, Wehrgehänge, Pulvertasche, Lunte, Kraut und Lot, Küraß, Hellebarde, Muskete, Flinte oder Degen wie einen langen Spieß hatte. Nach der Musterungsordnung von 1605 gehörten die Alfelder nämlich zum so genannten grünen Regiment des damaligen Herzogtums Braunschweig-Wolfenbüttel, dem die Stadt von 1523 bis 1643 unterstand. Mit dieser Farbgebung der Fahne wird auch die Banderole zusammen hängen, da es eine einheitliche Uniformierung noch nicht gab. Für die Einquartierung von Militär war im Übrigen 1607 eine Vereinbarung getroffen worden. In ihr deutet sich der allmähliche Übergang von der kommunalen zur staatlichen Wehrbereitschaft, also den ersten stehenden Heeren an. Damit verlor Alfeld seine relative Wehrhoheit und die Freischießen wurden mehr und mehr zum örtlichen gesellschaftlichen Ereignis.
Die innere Organisation der Schützen war auf die Kriegsmöglichkeit ausgerichtet gewesen. Neben den Hauptleuten, Lieutenants und Fähnrichen stellte in früherer Zeit der Harnischmacher eine Besonderheit dar. Ihm oblag die Waffenbesichtigung. Den nach dem klatschenden Kolben oder Schwert aus Holz oder Messing genannten Pritschenmeister lud man angeblich von auswärts zum Fest, obwohl es hierbei, wie in manchen anderen Regelungen, durchaus auch einmal abweichende Verfahrensweisen gegeben hat. Er trug sog. Hofkleidung mit Schellen, strafte in scherz- oder narrenhafter Manier mit den Schlägen der Pritsche die Ungebühr und Unschicklichkeit der Schützen und hielt Ordnung hei den Zuschauern. Der Pritschenmeister musste stets reimfertig sein und bei den Bestrafungen herkömmliche oder schnell improvisierte Reime sprechen.
Zu den alten Traditionsbegriffen in Alfeld gehört auch die Stadtviertelbezeichnung “Bäuerschaft“. Die Bäuerschaften führten von den Stadttoren entlehnte Namen. Sie waren Nachbarschaftsverbände mit eigenständigen Bräuchen und Funktionen. Hierher gehörte auch die Aufgabe der Stadtverteidigung. Jede Bäuerschaft besaß ihr eigenes Banner, ihre eigenen Führer, wie Hauptmann und Rottenmeister, den so genannten Lermenplatz, also Sammelort, und musste vornehmlich in Gefahrenzeiten das zum Wohnbereich gehörende Stadttor und die angrenzenden Befestigungsteile verteidigen.
Die Bäuerschaften bildeten innerhalb der Stadtgemeinde selbständige Körperschaften die über städtische Angelegenheiten für sich berieten und durch ihre Bauermeister, OIdermänner bzw. später Bürgervorsteher vertreten wurden. In Alfeld wurde der Altermann auf unbestimmte Zeit gewählt und in manchen Fällen sogar vererbt. Die Bäuerschaftsversammlungen wurden früher stets in der Wohnung des Altermanns abgehalten, womit dieser also brauberechtigter Großbürger mit stattlichem Eigentum sein musste. Später tagte man in einer Gastwirtschaft.
Die Bäuerschaften hatten je eine Lade für die Akten, je eine Fahne und je ein Schwert. Die aus farbigen Seidenstoffen gefertigte, an kurzem Stabe befestigte Fahne war mit einem Stadtwappen und der Jahreszahl ihrer Stiftung versehen. Die Holzer Bäuerschaft führte die gelbe, die Hörsumer die karmesinrote, die Leine-Bäuerschaft die weiße und die Perk-Bäuerschaft die blaue Farbe. Die Fahne wurde der Bäuerschaft bei ihren Umzügen vorangetragen und kam vor allem bei den traditionellen Fahnenschwenken auf dem Marktplatz während der Feier des Freischießens zur Geltung.
Diese Traditionen des Alfelder Freischießens führt in jüngster Zeit der Schießsportverein Alfeld von 1925 e.V. mit seinen in mehrjährigen Abständen veranstalteten Schützenfesten fort.
(Auszüge aus: G. Kraus - Der Fillerturm) - Dieser Text stammt aus der BAL-Broschüre "Alfelder Freischießen"
Mit freundlicher Genehmigung der BAL-Ratsfraktion Alfeld.
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