Boxen

“ … acht, neun, aus“ – Boxen im Kaiserhof

Weiter geht es in unserer Kaiserhof-Reihe mit dem Boxsport, der das historische Gemäuer in den 50er und 60er Jahren erbeben ließ.

Bis vor einiger Zeit lag Henry K. oft im „Clinch“ mit Arbeitgebern. Er ist als verbal besonders schlagfertig bekannt. Daß der ehemalige Alfelder IG Metall-Chef aber auch im Boxring seinen Mann gestanden hat, wissen nur wenige. Im Alfelder „Kaiserhof“ hat Kirch das Austeilen und Einstecken gelernt. Dort wurden die Kämpfe des Postsportvereins „Schwarz-Gelb“ vor großem Publikum ausgetragen.
Er blättert in vergilbten Zeitungsausschnitten und liest einige Abschnitte vor, vornehmlich die positiven: „…K.-Alfeld schickte seinen Gegner mit einem Kinnhaken auf die Bretter, … K. siegte durch KO,… technisch bester Kampf,“ aber auch … von fehlender Ringerfahrung war die Rede. K. schlägt die Mappe mit den Zeitungsartikeln wieder zu und beginnt zu schwärmen von der Atmosphäre des alten Kaiserhof-Saals.

 

Immer ausverkauft

Sechs Jahre hatte er für den Alfelder Verein im Ring gestanden. Bei den Veranstaltungen waren die Plätze immer bis auf den letzten Sitz ausverkauft. Auf der Empore, den billigeren Plätzen, tummelten sich die jüngeren Zuschauer. In der Mitte des großen Saals, auf einem erhöhten Podest, war der Ring. Kurt S., ein weiterer Alfelder Box-Veteran, begann 1955 mit seiner sportlichen Laufbahn. 60 Kämpfe hat er auf seinem Konto. Auf die Frage nach der Erfolgsquote, antwortet er bescheiden „eher ausgeglichen“ und erwähnt nebenbei seinen zweimaligen Bezirksmeistertitel im Weltergewicht. Während Kurt S. mit einem „Glaskinn“ zu kämpfen hatte, machte Henry Kirch seine Nase zu schaffen. Traf ihn nämlich ein plazierter Schlag an dem empfindlichen Riechorgan, begann das unaufhörlich zu bluten. Da das Blut auf seine Boxhandschuhe tropfte und er mit denen wiederum seinen Gegner malträtierte, sah dieser im Gesicht bald lädierter aus, als er selbst. Der Alfelder Mediziner Dr. Blume, der als Ringarzt füngierte, bescheinigte Kirch dann aber in der Regel die volle Tauglichkeit mit den Worten „…der kann noch“ und der Kampf wurde fortgeführt. Steherqualitäten bewies Henry K. auch noch, bezogen auf sein Berufsleben im Einsatz für die Alfelder Metallarbeitergewerkschaft. Er hat zu fighten gelernt. „Hart aber fair“, sagte der zum Zeitpunkt dieses Interviews 57jährige, und spannt die Hände zu Fäusten. Mit der Nase habe er schon lange keine Probleme mehr, erläutert er. Die Adern hatte er sich noch zu Box-Zeiten veröden lassen.

Henry K. im Kampf mit blutender Nase

 

 

Kurt S. im Clinch mit Colin Marston aus Wakefield

 

 

Eine gewisse Form von Wehmut, habe ihn beim Abriss der alten Kaiserhof-Gebäude überkommen. „Wir haben da viel Zeit verbracht“, erinnert er sich. Besonders gern blickt er auf die jährlichen Veranstaltung am Rosenmontag zurück. In Anzug, mit Krawatte und Hut wurde dann bis spät in die Nacht an der Theke gezecht. Frisch verliebt sei er damals gerade gewesen. So wurde aus der Nacht wieder ein neuer Morgen, und es blieb gerade noch genug Zeit, den Anzug gegen die Arbeitskluft zu tauschen und zur Arbeit zu gehen. „Damals ging es noch geruhsamer zu“, erinnert er sich an die 50er Jahre und meint zugleich das Arbeitsleben im Lehrbetrieb wie das Amüsement im Kaiserhof. „Es war halt ’ne schöne Zeit“.

Anfang der 60er Jahre ließen die Post-Boxer den Kaiserhof hinter sich und bestritten ihre Kämpfe ein paar hundert Meter weiter in der Halle an der Ziegelmasch. Kurz darauf, 1963 bis ’64, wurde das gesamte Gebäude umgebaut. Die Fassade erhielt einen weißen Anstrich und in die ganze unteren Etage quartierte sich ein Supermarkt ein. Da der Untergrund aber sandig war, bildeten sich immer wieder Risse. So deutlich, daß nach 31 Jahren auch der Supermarkt umziehen mußte.

Für viele Alfelder verschwandt mit dem Kaiserhof der Ort ihres Heranwachsens. Auch Kurt S. beklagt den Wegfall des geschichts- und geschichteträchtigen Gebäudes. „Wir haben da in unserer Jugend so viel erlebt“.

Ob der Neubau die Baulücke würdig füllen konnte ?

Quelle: SIEBEN: Ausgabe Augst 1996 – Text: Heiko Stumpe – Einige Textpassagen umgeschrieben von alt-alfeld